Crossing Anhalt | 23. Mai 2026
Nachdem uns CA2025 ziemlich begeistert zurückgelassen hatte, war schnell klar: Das machen wir wieder. Eine Idee für die Strecke hatte ich schnell im Kopf. Als Community, die zu großen Teilen aus Magdeburg und dem Umland kommt, lag es nahe, direkt hier zu starten – am Magdeburger Dom, dem Wahrzeichen der Stadt – und zum höchsten Gipfel Sachsen-Anhalts zu laufen: dem Brocken. Ein ikonischer Start, ein ikonisches Ziel. Schließlich ist der Brocken so etwas wie unser Hausberg.
Einen gemeinsamen Termin zu finden, stellte sich dann als größere Herausforderung dar. Zwischenzeitlich sah es gar nicht gut aus für das Projekt. Doch nach ein bisschen Hin und Her kam der entscheidende Anruf von Caro – und der Entschluss: Wir machen das jetzt einfach!
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23. Mai, 03:45 Uhr, Domplatz Magdeburg.
Es ist angenehm mild. Das Wetter hat in den letzten Tagen Kurs Richtung Sommer genommen und die Vorhersage für das Wochenende ist ausgesprochen gut. Ulf, Markus und Mike haben sich den Tag freigenommen und werden uns als Supporter begleiten. Immer wieder faszinierend schön zu erleben, dass es Menschen gibt, die bereit sind, so ein Projekt zu unterstützen – es möglich zu machen und einfach nur für andere da zu sein.
Susan, Liz, Steffi, Caro, Jens und ich laden unsere Verpflegung in die Fahrzeuge, setzen die Stirnlampe auf und zupfen nervös an unseren Sachen herum. Ein gemeinsames Foto am Fuße des Doms – die Glocke sagt, es ist 4 Uhr. Wir starten! Die ersten Meter fühlen sich etwas surreal an. Sind wir tatsächlich gerade dabei, in Richtung Brocken zu laufen? 116 Kilometer? Der Gedanke an den ersten Verpflegungspunkt ist deutlich leichter zu verdauen. Und so laufen wir die ersten Meter durch die City, vorbei am Hasselbachplatz und seinen letzten Gästen, weiter durch die schlafende Stadt. Wir verlassen Magdeburg und hinter uns kündigt sich am Horizont langsam der neue Tag an.
Der Modus ist in diesem Jahr etwas anders. Wir laufen nicht in zwei Teams, die sich regelmäßig abwechseln. Kein Staffelformat. Die Vereinbarung ist: Jede*r läuft soweit oder so oft, wie er oder sie möchte. Hauptsache, wir laufen. Hauptsache, wir kommen an – als Team. Die gesteckten Ziele sind ganz unterschiedlich: die ganze Strecke mit Aussicht auf eine FKT oder einzelne Abschnitte.
Auf der Strecke werden ein paar Läufer:innen dazukommen, um uns ein Stück zu begleiten. Sie sind Teil der Community, Teil dessen, was Crossing Anhalt ausmacht. Es wird nicht darum gehen, so schnell wie möglich auf dem Brocken anzukommen. Dazu ist dieses Format auch gar nicht geeignet. Es geht um die gemeinsame Zeit, den gemeinsamen Weg und das geteilte Abenteuer.
Die Abschnitte durch die Börde überraschen uns und sind weit weniger langweilig als erwartet. Die aufgehende Sonne schmeichelt der Landschaft, den Wiesen und Feldern. Hinter Eggenstedt geht es durch das Hohe Holz – Wäldchen, Hügelchen und ein Hauch von Trailrunning. Die Sonne steigt weiter auf, und mit ihr die Temperaturen. Es wird ein heißer Tag, das lässt sich bereits erahnen. Kurz nach neun gibt es statt frischer Brötchen und Kaffee ein Wassereis vom Penny. David gesellt sich zur Gruppe, er ist extra aus Halle mit dem Zug angereist, um uns ein Stück zu begleiten.
In der Nähe von Schwanebeck hält die Streckenplanung dann die erste Überraschung für uns bereit: Wo eigentlich ein Weg sein sollte, finden wir nur dichtes Grünzeug. Mit ganz viel Fantasie könnte hier mal ein Pfad gewesen sein. Da die einzige Alternative ein Umweg entlang einer Bundesstraße wäre, stürzen wir uns in die Hecke. Nach etwa einem Kilometer geben wir auf und weichen auf den benachbarten Acker aus. Nicht schön, aber deutlich besser.
Wir nähern uns Halberstadt und haben mittlerweile die Hälfte der Strecke hinter uns. Fast unbemerkt haben sich auch schon 700 Höhenmeter angesammelt. Hört sich nicht viel an, sagt der Kopf. Die Beine sehen das ganz anders. David verabschiedet sich und läuft zum nächsten Bahnhof, dafür kommen Anja, Vanessa und André dazu. Ich ziehe die Laufschuhe aus und erlebe die nächsten Abschnitte aus der Perspektive der Supportcrew.
Wir haben die Strecke in Abschnitte von etwa 12–15 km aufgeteilt, fahren von Treffpunkt zu Treffpunkt: Tisch aufbauen, Verpflegung bereitstellen und aufgeregt warten. Dann immer wieder diese Freude, wenn das Laufteam um die Ecke kommt. Helfen und motivieren, so gut es geht – dann geht es weiter. Johannes und Mamikon stoßen dazu.
Es geht durch Elbingerode und weiter in Richtung Bahnhof Schierke, den letzten Verpflegungspunkt vor dem Ziel. Das letzte Stück zum Brockengipfel laufen (oder gehen) wir alle gemeinsam. Es ist kurz nach 20 Uhr. Dass wir am frühen Morgen vom Domplatz gestartet sind, fühlt sich nun genauso seltsam und unwirklich an wie die ersten Meter durch die Stadt.
Unsere Community ist gerade einmal zwei Jahre alt. Einige kennen sich mittlerweile besser, andere sind ganz neu dabei oder haben sich extra für dieses Projekt zu uns gesellt. Natürlich verbindet uns zunächst einmal die Leidenschaft für den Laufsport. Aber da ist noch mehr: Sich aufeinander einlassen, im Wissen, dass gerade bei einem Ultra nicht immer alles schön ist, nicht immer alles nach Plan läuft. Auf einander zugehen, sich selbst nicht zu wichtig nehmen, füreinander da sein.
Ich selbst laufe gern allein und genieße die Ruhe und Unabhängigkeit. Blicke ich aber zurück, erinnere ich mich am liebsten an die Kilometer, die ich mit anderen gemeinsam gelaufen bin. Oft zählen diese zu den Wertvollsten.
Gegen 21:30 Uhr sind wir am Ziel. Brockengipfel! Gemeinsam! Caro hat es tatsächlich geschafft und ist die gesamte Strecke durchgelaufen. Schwer, dafür Worte zu finden, die nicht abgenutzt klingen. Man verliert in der Ultrabubble schnell ein bisschen die Relation – und in der aufgeregten Onlinewelt sind 100 km sowieso längst Normalität. Pustekuchen!
Nichts davon ist hier gewöhnlich. Es ist einfach wunderbar. Und es ist großartig, dass wir es als Team bis hierher geschafft haben. Vom Dom bis zum Brocken!
… und wieder runter : sick
Crossing Anhalt | 23. – 25. Mai 2025
An einem Abend im April 2025 laden Anja und ich ein paar Leute aus der Laufgruppe zu uns nach Hause ein. Es sind Menschen, die bei der Idee, das Bundesland Sachsen-Anhalt laufend zu durchqueren, nicht reflexartig das Weite suchen. Es sind die, die stattdessen sagen: „Klingt ein bisschen verrückt – ich bin dabei.“
Also sitzen wir zusammen, besprechen die Strecke und den Modus. Wir klären Fragen zur Startzeit, zum Tempo: Wie lange werden wir brauchen? Was bringt jeder mit? Wo gehen wir eigentlich auf die Toilette? Am Ende können wir vieles klären, einiges bleibt ungewiss. Aber eines ist sicher: Alle haben richtig Lust.
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Ein paar Wochen später, am Abend des 23. Mai, sitzen wir bei Freunden von Jens in Pretzsch (Elbe) an einem großen Tisch vor einem noch größeren Topf mit Nudeln. Wir essen zusammen, machen Witze über das, was vor uns liegt, und versuchen, möglichst früh ins Bett zu kommen.
Kurz vor vier Uhr treffen wir uns auf dem Platz vor dem Schloss Pretzsch. Ein Foto. Die leicht unsichere Frage: „Geht es jetzt wirklich los?“ Ja. Es geht los.
Von Pretzsch bis zur Eckertalsperre im Harz – rund 230 Kilometer voller Abenteuer. Unsere Route führt uns durch die Dübener Heide, vorbei am Goitzschesee, durch Halle und die Dölauer Heide, weiter ins Mansfelder Land bis nach Eisleben und schließlich in den Harz. Ein Abstecher auf den Brocken und danach hinab zur ehemaligen innerdeutschen Grenze an der Eckertalsperre. Das ist die Herausforderung, die vor uns liegt.
Claudia, Anja und André. Vanessa, Jens, Martin und Steffen. Zwei Teams, die sich auf zwölf Streckenabschnitten von jeweils etwa 20 Kilometern abwechseln. Während die einen laufen, fahren die anderen zum nächsten Wechselpunkt. Ausruhen, Energie tanken, vielleicht ein wenig schlafen.
Unterstützt werden wir von Regina und Ulf. Sie versorgen uns mit allem, was wir brauchen: Getränke, Kuchen, Snacks, Pizza – und vor allem mit aufbauenden Worten, genau dann, wenn wir sie am meisten brauchen. Und das ist oft der Fall.
Es ist schwer in Worte zu fassen, was dieses Projekt so besonders macht. Da ist zum einen die Strecke. Immer wieder denke ich: „Dieses Land kennst du so gar nicht.“ Wir laufen durch Wälder, über Wiesen, vorbei an Flüssen und Seen – immer wieder überraschend schöne Landschaften. Viele Abschnitte führen über Wanderwege oder Forstwege. Wir durchqueren Halle, laufen am Saaleufer entlang und sammeln im Mansfelder Land mehr Höhenmeter als erwartet.
Es macht Spaß. Und es läuft.
Doch trotz sorgfältiger Planung gibt es auch unangenehme Momente. Wo eigentlich ein Weg sein sollte, finden wir nur einen matschigen Bach oder kämpfen uns durch dichtes, verwildertes Gelände. Und genau in diesen Augenblicken zeigt sich, worauf es wirklich ankommt: das Team. Die Menschen, die dich tragen – nicht wortwörtlich, sondern mit ihrer Gelassenheit, ihrer Freude am Laufen und ihrem Willen, gemeinsam ins Ziel zu kommen.
Mitten in der Nacht, im Regen und in der Kälte, ist mein inneres Feuer erloschen. Jeder von uns hat inzwischen etwa 80 Kilometer in den Beinen. Tagsüber begleitet uns die Sonne, doch die Nacht meint es nicht gut mit uns. Ich bin fest entschlossen auszusteigen.
Irgendwo im Harz warten wir auf Claudia, Anja und André. Ich liege im warmen Wohnmobil und schaue hinaus in die Dunkelheit. Viel Zeit bleibt nicht – das andere Team muss jeden Moment eintreffen. Martin und Jens stehen bereits draußen im Regen und warten.
Und weil ich es nicht ertragen kann, sie im Stich zu lassen, ziehe ich meine letzten trockenen Sachen an, packe Gel und Wasser in den Laufrucksack und trete wieder hinaus in die Nacht. Es geht weiter.
Am Ende der Nacht erreichen wir Schierke. Die letzte Etappe führt uns über den Brocken und anschließend hinab zur Eckertalsperre. Anja und Martin laufen diese letzten Kilometer mit mir. Wir sind müde, die Beine schwer, Regen und Wind begleiten uns. Und trotzdem gehören genau diese Kilometer zu den schönsten, die ich je gelaufen bin.
An der Talsperre wartet bereits die restliche Gruppe auf uns.
Es ist geschafft.
Doch wie so oft liegt das Glück nicht nur im Ankommen. Es steckt in der Strecke – in den vielen Kilometern, die wir gemeinsam zurückgelegt haben. In den Momenten, in denen wir uns gegenseitig getragen, unterstützt und angetrieben haben.
Danke an Claudia, Vanessa, Anja, Jens, André und Martin – für jeden einzelnen Schritt, den wir gemeinsam gelaufen sind.
Danke an Regina und Ulf – Herzensmenschen, ohne die wir dieses Ziel nicht erreicht hätten.
Und danke an Anja, dass du an meine Ideen glaubst und sie mit mir zusammen zum Leben erweckst.
